Träume

Yume

Japan/USA 1990

Deutscher Titel: Akira Kurosawas Träume / Träume

Länge: 119 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Akira Kurosawa

Produktion: Steven Spielberg, Hisao Kurosawa, Mike Y. Inoue

Musik : Shin’ichiro Ikebe

Kamera : Takao Saito

Schnitt: Tome Minami

Besetzung: Toshihiko Nakano („Ich“, 5 Jahre alt), Akira Terao („Ich“ als Erwachsener), Mitsuko Baisho (Mutter), Mitsunori Izaki („Ich“ als Junge), Martin Scorsese (Van Gogh), Misato Tate (Fee), Mieko Suzuki (Schwester), Chishu Ryu (alter Mann).

Anmerkung: Acht Träume, jeweils eingeleitet durch die subjektivierende Aussage: „Ich träumte einen solchen Traum.“ Meist geht es um die Beziehung des Menschen mit seiner Umwelt. In „Sonne, die durch den Regen scheint“ respektiert ein kleiner Junge nicht die Füchse des Waldes, woraufhin ihm seine Mutter ein Schwert gibt, um sich das Leben zu nehmen. Er muss die Füchse um Verzeihung bitten, um seine Ehre zu retten. In „Der Pfirsich-Garten“ ist der Junge traurig, das der Pfirsichhain seiner Familie abgeholzt wurde. Als die Geister des Hains seine Trauer bemerken, feiern sie noch einmal das erblühende Leben. „Der Schneesturm“ zeigt vier Bergsteiger, die in einem Schneesturm fast der Verlockung einer geisterhaften Schneefrau erliegen, sich aber doch retten können. In „Der Tunnel“ trifft ein Veteran die Geister einer Armee, für deren Tod er verantwortlich war. „Die Krähen“ beginnt mit dem Galeriebesuch eines jungen Künstlers, der sich plötzlich in einem Gemälde van Goghs wiederfindet. Er trifft den Maler persönlich (dargestellt von Kurosawa-Verehrer Martin Scorsese), der ihm erklärt, er habe sich sein Ohr abgeschnitten, da es ihm auf einem Selbstporträt nicht gelingen wollte. In „Fujiyama in rot“ explodiert ein Atomkraftwerk nahe des heiligen Fuji-san. Angesicht des Todes reflektiert ein Kerntechniker über die unterschätzte Gefahr der Atomtechnik. „Der weinende Menschenfresser“ knüpft an die Atomapokalypse an und zeigt den träumenden Protagonisten auf dem Weg durch eine verseuchte Landschaft, in der die Menschen sich zu Dämonen transformieren. „Das Dorf der Wassermühlen“ bildet den utopischen Abschluss: Hier leben die Bewohner eines Dorfes ein naturverbundenes Leben und haben den Tod als Teil des natürlichen Prozesses akzeptiert. – Träume war der erste Stoff nach 45 Jahren, den Kurosawa alleine entwickelte. Unter dem Titel „Ich träumte einen solchen Traum“ schrieb er das Skript in weniger als zwei Monaten und schickte es an Steven Spielberg, der die Finanzierung durch Warner Bros. ermöglichte. Als van Gogh besetzte er seinen Bewunderer, den New Yorker Regisseur Martin Scorsese, den er sieben Jahre zuvor kennen gelernt hatte. Von den ursprünglich elf Geschichten wurden nur acht umgesetzt. In der Hälfte des Films geht es um eine tiefgreifende Skepsis des Regisseurs gegenüber den Errungenschaften der (technischen) Moderne, vor allem der Umweltzerstörung und der Gefahr durch die Atomkraft. Angesichts der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011 hat die Episode „Fukujima in rot“ eine beklemmende prophetische Kraft, die zur Premiere des Films noch als Ökokitsch abgewertet wurde.[1] Der Öko-Romantizismus der ersten beiden und der letzten Episode korrespondiert zugleich mit Martin Heideggers Existenzialismusbegriff (der in Japan noch heute große Resonanz erfährt) und der japanischen Spiritualität des Shintoismus’ und Buddhismus’. Kurosawa kehrt hier deutlich zu einer antimodernen Perspektive zurück, die in früheren Filmen anklingt (vor allem Uzala). Auch die Atomangst aus Ein Leben in Furcht wird hier weitergeführt und in visionäre Impressionen gekleidet – der Ausgangspunkt für den folgenden Film Rhapsodie im August, der das Bombentrauma der Protagonistin ähnlich umsetzt. Um den persönlichen Bezug in seinen Film einzuschreiben, ließ Kurosawa für die erste Episode sein Elternhaus in Koshikawa komplett mit seinem Namensschild rekonstruieren.


[1] Einen der despektierlichsten Kommentare zu Träume bietet der Siegener Medienwissenschaftler Jens Schröter in Glaubitz u.a. 2005, S. 115: „Allzu prätentiös scheint die Symbolik über das Unrecht, Pfirsichbäume abzuholzen in der zweiten, allzu moralisierend die Botschaften der letzten drei der insgesamt acht Episoden über das Unheil der Atomtechnik und das Heil des Ländlichen.“ Weder der japanischen Spiritualität, aus der sich der Film speist, noch der realen Gefahr einer Atomkatastrophe wird in dieser Einschätzung Rechnung getragen. Dass Kurosawas Verdichtung hier offenbar provoziert, bezeugt eher das Gelingen dieses Ansatzes.