Sanjuro

Tsubaki Sanjuro

Japan 1962

Deutscher Titel: Sanjuro

Länge: 96 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Ryuzo Kikushima, Hideo Oguni, Akira Kurosawa

Produktion: Kurosawa Film Production

Musik: Masaru Sato

Kamera: Fukuzo Koizumi

Besetzung: Toshiro Mifune (Sanjuro Tsubaki), Tatsuya Nakadai (Hanbei Muroto), Yuzo Kayama (Iiro Izaka, Anführer der Samurai), Yunosuke Ito (Mutsuta), Takako Irie (Mutsutas Frau), Reiko Dan (Mutsutas Tochter).

Anmerkung: Im Japan der Edo-Zeit versucht ein junger Samurai, Iiro Izaka, gegen die ausufernde Korruption im eigenen Clan anzugehen. Seinen acht befreundeten Samurai schildert er die Aussagen der beiden Clanführer – seines Onkels, der eine hohe Position innerhalb des Klans bekleidet, und Kikui, des Klanvorstehers –, während sich diese in einem abgelegenen Gebäude aufhalten. Izaka verdächtigt seinen Onkel der Korruption. Das Gespräch der jungen Samurai bekommt zufällig der im selben Raum übernachtende Rōnin Sanjuro mit. Sanjuro vermutet aufgrund seiner Erfahrung, dass nicht der abweisende Onkel, sondern der sich verständnisvoll gebende Kikui tatsächlich der Korruption schuldig und erheblich gefährlicher sei. Diese Warnung bestätigt sich umgehend, denn das Haus wird von den Männern Kikuis überfallen. Sanjuro kann lediglich durch eine List die jungen und unerfahrenen Krieger retten. Motiviert durch diesen Vorfall wird Sanjuro bald zum Meister der jungen Männer und hilft ihnen beim Kampf gegen den korrupten Vorsteher, der den Onkel, dessen Frau und Tochter bereits gefangen genommen hat, um den Onkel zum Seppuku zu zwingen. Zunächst befreien Sanjuro und die jungen Samurai die beiden Frauen. Anschließend nutzt Sanjuro den positiven Eindruck, den er bei dem Leibwächter und Truppenführer des Vorstehers Muroto hinterlassen hat und tritt zum Schein in dessen Dienst. Die neun jungen Männer sind irritiert, doch nachdem Sanjuro vier von ihnen das Leben gerettet hat, gehört ihm erneut das Vertrauen der Gruppe. Durch seine gespielte Loyalität gegenüber Muroto kann Sanjuro die Soldaten und Leibwächter aus dem Anwesen locken, das als Versteck für den Gefangenen dient. Izaka befreit den Onkel, die Wahrheit über Kikui wird aufgedeckt und seine Macht zerstört. Der Onkel möchte Sanjuro in den Clan aufnehmen, doch dieser befindet sich bereits auf Wanderschaft. Die jungen Samurai folgen Sanjuro und planen, ihn zum Bleiben zu überreden. Als sie ihn einholen, erscheint auch Muroto. Sanjuro  will aus Respekt und dem Wissen um die Sinnlosigkeit dieser Ehrverteidigung einem Kampf ausweichen, Muroto jedoch besteht darauf. Mit einem schnellen Bauchschnitt kann Sanjuro den Gegener töten. „Er war genau wie ich, ein nacktes Schwert, das nicht in seiner Scheide bleiben konnte,“ sind die letzten Worte Sanjuros, die sich auf eine Aussage der Ehefrau des Onkels zuvor beziehen. Die jungen Samurai gratulieren Sanjuro zu seinem Sieg, was dieser missbilligt, da der Kampf überflüssig gewesen sein. – Die Geschichte basiert weitgehend auf der Kurzgeschichte „Peaceful Days“ („Nichinichi hei-an“) von Shugoro Yamamoto und sollte ursprünglich der Vorlage getreu folgen. Nach dem weltweiten Erfolg von Yojimbo entschied das Studio Tōhō, den beliebten Antihelden in diesem Film auferstehen zu lassen, zumal Toshiro Mifune erneut in der Hauptrolle besetzt wurde. Kurosawa schrieb das Skript entsprechend um. Sanjuro ist stellenweise erstaunlich humorvoll – wie auch Yojimbo übrigens – und stellt auf diese Weise die Regeln und Werte, die im traditionellen jidai-geki vermittelt wurden, durch Ironisierung in Frage. Auch die Filmmusik leistet ihren Beitrag, indem sie westliche Orchestrierung mit traditionellen japanischen Percussions verknüpft. In dem Verhältnis zwischen den unerfahrenen jungen Samurai und dem abgeklärten Sanjuro taucht erneut das Schüler-Lehrer-Verhältnis auf, selbst wenn das im Verlauf nie deutlich thematisiert wird. In der Schlussszene wird Sanjuro jedoch deutlich als Sensei behandelt, worauf er nicht eingeht. Entgegen seinen Prinzipien muss Sanjuro Muroto töten, was von Kurosawa legendär inszeniert wurde: In einer klassischen kata-Form harren beide bewegungslos aus, bis Muroto sich bewegt. In einem ökonomischen, schnellen Schnitt durchtrennt Sanjuro dessen Baucharterie. Im Moment des Schnitts wird ein Kompressor mit Farbe aktiviert, der durch einen Schlauch literweise Blutfarbe aus dem Körper von Schauspieler Tatsuya Nakadai sprudeln lässt. Zufällig wurde dabei mehr Druck aktiviert als geplant, woraufhin eine neue Ästhetik von Gewalt im japanischen Film etabliert wurde. Ähnlich wie dem Comeshot im pornografischen Film wurde dieser blutige Exzess des herausspritzenden Blutes zum Standard in späteren jidai-geki-Produktionen. So kann Kurosawa als der unfreiwillige Erfinder dieser Tendenz in Japan gelten. – Visuell arbeitet der Film mit einer Reihe von inneren Rahmungen in der Bildkomposition. Diese massiven Begrenzungen innerhalb des Bildes erzeugen eine Form der Klaustrophobie, die in den engen, unübersichtlichen Straßen der Stadt ihre Entsprechung findet. Doch meist werden Intrige und Gegenintrige in engen und niedrigen Räumen gesponnen, auch einige der Kampfszenen finden hier statt. So ist Sanjuro über weite Strecken ein Kammerspiel mit zwielichtigen Helden – anders als Yojimbo, der meist im Freien spielt und wesentlich performativer inszeniert ist. Sanjuro erscheint dagegen fast statisch.

Yojimbo – Der Leibwächter

Yojimbo

Japan 1961

Deutscher Titel: Yojimbo – Der Leibwächter

Länge: 106 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Ryuzo Kikushima, Akira Kurosawa

Produktion: Akira Kurosawa

Musik: Masaru Sato

Kamera: Kazuo Miyagawa

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Toshiro Mifune (Sanjuro Kuwabatake), Tatsuya Nakadai (Unosuke), Yoko Tsukasa (Nui), Isuzu Yamada (Orin), Daisuke Kato (Inokichi), Atsushi Watanabe (Bestatter).

Anmerkung: Japan 1860: Ein Rōnin kommt in ein Dorf, in dem zwei rivalisierende Unternehmer, die Ushi-Tora und die Seibei, mittels Schlägerbanden um die Vorherrschaft kämpfen. Er quartiert sich im örtlichen Wirtshaus ein und beobachtet die Situation. Schließlich fasst er den listigen wie eigennützigen Plan, die Banden gegeneinander auszuspielen, mit dem Ziel, dass sie sich gegenseitig töten. Er besiegt drei Mitglieder der Ushi-Tora in einem offenen Kampf und bietet anschließend seine Dienste den Seibei an. Im Verlauf des Filmes wechselt er dann jedoch immer wieder die Seiten, da beide Banden von seiner Stärke profitieren und mit ihm die Rivalen besiegen wollen. Nur Unosuke, der Bruder des Anführers der Ushi-Tora, der erst später hinzukommt, misstraut dem Rōnin. Von einer Reise hat er einen Revolver mitgebracht, der ihm und seiner Bande gegenüber den mit Schwertern ausgestatteten Rivalen einen deutlichen Vorteil verschafft. Die Ushi-Tora können den Rōnin gefangen nehmen und die Seibei besiegen. Im Verlauf dieses Kampfes kann sich der Rōnin befreien und Unosuke und die Ushi-Tora im finalen Kampf besiegen. – Eine wichtige Quelle für diesen enorm einflussreichen chambara-Klassiker war der 1942 gedrehte Film noir-Klassiker The Glass Key / Der gläserne Schlüssel von Stuart Heisler, eine Adaption von Dashiell Hammetts 1931 veröffentlichtem Roman. Insbesondere die Szene, in der der Held von den Gangstern gefangen genommen und gefoltert wird, bevor er schließlich entkommt, kopiert das amerikanische Vorbild einstellungsgetreu. Die Handlung jedoch basiert auf einem anderen Hammett-Roman, seinem Debüt „Red Harvest“ (1929), in dem ein Privatdetektiv eine korrupte Stadt von rivalisierenden Gangsterbanden ‚reinigt’. Schon in der Eingangssequenz demontiert Kurosawa den Mythos des aufrechten (Samurai)Helden: Wir sehen bildfüllend den Rücken Mifunes, der sich am Kopf kratzt (wie in Rashomon ein Zeichen mangelnder Hygiene – Juckreiz durch Flohbefall). Er wirft eine Münze, als er an eine Weggabelung kommt. Er präsentiert sich durchweg als ambivalenter Charakter, mal hilfsbereit, gerecht und nobel im Sinne des bushido, mal zynisch, hinterlistig und grausam. Der Film suggeriert, dass in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, der Mensch des anderen Menschen Wolf sein muss. Der Hund mit der abgetrennten Hand in der Schnauze zu Beginn lässt keinen Zweifel daran. Wie in Hammetts Vorlage ist der Held hier namenlos. Nach seinem Namen gefragt, bezieht er sich auf die Maulbeerbüsche, die er zuvor gesehen hat („Kuwabatake“). Sergio Leone inszenierte Yojimbo 1964 als Eurowestern Für eine Handvoll Dollar nach, mit dem Clint Eastwood den Typus des Revolverhelden ohne Namen im westlichen Kino etablierte. Kurosawa klagte erfolgreich seine Urheberschaft bei diesem Remake ein und wurde daraufhin an den Einnahmen beteiligt.

Die Bösen schlafen gut

Warui Yatsu Hodo Yoku Nemuru

Japan 1960

Deutscher Titel: Die Bösen schlafen gut

Länge: 151 Minuten (135 Minuten gekürzt)

Regie: Akira Kurosawa

Produktion: Akira Kurosawa, Tomoyuki Tanaka

Musik:  Masaru Satō

Kamera: Yuzuru Aizawa

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Toshiro Mifune (Kôichi Nishi), Masayuki Mori (Public Corporation Vice President Iwabuchi), Kyōko Kagawa (Yoshiko Nishi), Tatsuya Mihashi (Tatsuo Iwabuchi), Takashi Shimura (Administrative Officer Moriyama), Kô Nishimura (Contract Officer Shirai), Takeshi Katô (Itakura), Kamatari Fujiwara (Assistant-to-the-Chief Wada), Chishû Ryû (Public Prosecutor Nonaka), Seiji Miyaguchi (Prosecutor Okakura), Kôji Mitsui (Reporter A), Ken Mitsuda (Public Corporation President Arimura), Nobuo Nakamura (Legal Adviser), Susumu Fujita (Detektiv), Kōji Nanbara (Prosecutor Horiuchi).

Anmerkung: Im Nachkriegs-Japan wird gegen die Korruption eines Bauunternehmens ermittelt. Zwei Angestellte werden verdächtigt, aber wieder freigelassen. Einer von beiden bringt sich um, der andere, Wada, wird bei seinem Selbstmordversuch am Fuji-san von dem aufrechten Sekretär des Firmenpräsidenten Iwabuchi, Koichi, überrascht. Koichi versucht, seine Position im Herzen eines korrupten Unternehmens zu nutzen, um die Schuldigen zu entlarven – jene Männer, die für den Tod seines Vaters verantwortlich sind. Wadas Tod wird vorgetäuscht, aber mir dem ‚lebenden Toten’ an der Seite jagt Koichi den Firmenleuten Angst ein. Er rettet den korrupten Shirai, treibt ihn aber bewusst in den Wahnsinn. Aus Liebe zu Iwabuchis Tochter Keiko verzichtet Koichi auf weitere Rache und will nur das Betrugssystem aufdecken. Dazu entführt er den Firmendirektor Moriyama, um ihn zum Geständnis zu zwingen. Gerade als der Betrug aufgeklärt scheint, stürmen Iwabuchis Männer das Versteck und töten Koichi und Wada. Der Betrug wird nie ans Licht kommen. – Die Bösen schlafen gut war die erste Koproduktion zwischen Kurosawas neu gegründeten Unternehmen und Tōhō. Die Idee für den Film kam von Kurosawas Neffen Mike Inoue, der jedoch keinen Credit im Vorspann erhielt. Kurosawa hatte das finale Script zusammen mit einigen anderen Autoren völlig umgeschrieben und mit Ideen aus Shakespeares „Hamlet“ verschmolzen. Kurosawas Leitidee basierte auf dem Sprichwort über die Geschäftswelt: „Es ist ein Dschungel da draußen.“ Er beschloss, diese Idee wörtlich zu nehmen und inszenierte den Film mit Elementen einer Dschungelatmosphäre: perkussive Musik, brütende Luftfeuchtigkeit, die sich in Dauerregen entlädt und ein blattwerkartiges chiaroscuro in der Lichtgestaltung. Deutlicher als zuvor knüpft Kurosawa so zugleich an den amerikanischen Film noir an, wie man ihn von Jacques Tourneur (Out of the Past / Goldenes Gift, 1945) kennt: mit buchstäblich zwielichtigen Bildkompositionen, ambivalenten Charakteren, einer durch und durch von Korruption geprägten Gesellschaft – finsteren Seelenlandschaften  also, die ein pessimistisches Bild der japanischen Gegenwart des Jahres 1960 zeichnen.

Die verborgene Festung

Kakushi Toride no San-Akunin

Japan 1958

Deutscher Titel: Die verborgene Festung

Länge: 139 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Shinobu Hashimoto, Akira Kurosawa

Produktion: Akira Kurosawa

Musik: Masaru Sato

Kamera: Kazuo Yamasaki

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Toshiro Mifune (General Rokurota Makabe), Misa Uehara (Prinzessin Yuki), Minoru Chiaki (Tahei), Kamatari Fujiwara (Matashichi), Susumu Fujita (General Hyoe Tadokoro), Takashi Shimura (General Izumi Nagakura).

Anmerkung: Japan im 16. Jahrhundert: Zwei verwahrloste Herumtreiber, Tahei und Matashichi, befinden sich auf der Flucht, da der Herrscher des Hauses Akisuki, in dessen Armee sie gedient hatten, besiegt wurde. Unterwegs finden sie zwischen Ästen versteckte Goldstücke aus dem Schatz der Akisuki, wodurch der ebenfalls flüchtige General Rokurota Makabe auf die Gauner  aufmerksam wird, der diesen Schatz in das befreundete Nachbarland schmuggeln soll. Er zwingt die beiden Männer, ihm als Träger zu dienen. Ihr Weg führt sie in ein hoch gelegenes Tal, gesäumt von steilen Bergen. Die Gruppe entdeckt einige Gebäude, eine Höhle und eine geheime Quelle, abgeschottet von der Außenwelt. In dieser verborgenen Festung treffen sie auf ein geheimnisvolles Mädchen, das sich ihnen anschließt. Getarnt als Holzsammler machen sich die drei Männer mit der Stummen, die tatsächlich die getarnte Prinzessin Yuki aus Hause Akisuki ist, auf eine gefährliche Reise. Immer wieder versuchen die beiden Träger Makabe zu überlisten und mit dem Goldschatz zu fliehen, doch sie stellen sich dabei so unbedacht an, dass sie die Gruppe statt dessen immer wieder in Gefahr bringen. Nachdem sie sich dank Makabes List und Kampfkraft aus mehreren scheinbar ausweglosen Situationen befreien konnten, werden sie kurz vor der Grenze doch noch von den feindlichen Armeen umstellt, die Prinzessin und Makabe geraten in Gefangenschaft und der Goldschatz fällt in die Hände des Feindes, nur Tahei und Matashichi können entkommen. In einer Gegenüberstellung von Prinzessin Yuki und Makabe mit dem gegnerischen General Tadokoro, einem alten Kampfgefährten von Makabe, der die Seiten gewechselt hat, berichtet Yuki von der Bedeutung, die die Reise für sie hatte: Aufgewachsen am Hof, hat sie ihr die Augen für die einfachen Leute, ihre Sorgen, ihr Leben, ihre Schwächen und Stärken geöffnet. Davon zeigt sich Tadokoro so beeindruckt, dass er meutert und mit den beiden flieht. Mit Hilfe des Goldschatzes gelingt es der Prinzessin, die Herrschaft ihres Hauses wieder zu errichten, und auch die beiden Gauner Tahei und Matashichi bekommen eine Belohnung. –Die verborgene Festung ist Kurosawas erster Film im Breitwand-Format, dem in Japan verbreiteten Tōhōscope, das er auch in den folgenden Jahren verwenden sollte. Es handelt sich dabei um einen epischen Abenteuerfilm mit aufwändigen Kampf- und Actionszenen, comic relief (vor allem in Gestalt der beiden Deserteure), einer für Kurosawa erstaunlich prägnanten Frauenfigur (Prinzessin Yuki) sowie einer ungewohnt geradlinigen Dramaturgie. Die verborgene Festung ist zugleich der Film Kurosawas, der global gleichermaßen gut funktionierte, da er die kulturelle Identität des historischen Japan vor allem als pittoresken Hintergrund nutzt.

Nachtasyl

Donzoko

Japan 1957

Deutscher Titel: Nachtasyl

Länge: 130 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Hideo Oguni, Akira Kurosawa; nach einem Drama von Maxim Gorki

Musik: Masaru Sato

Kamera: Ichio Yamasaki

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Toshiro Mifune (Sutekichi, Dieb), Isuzu Yamada (Osugi, Wirtin), Ganjiro Nakamura (Rokubei, ihr Mann), Kyoko Kagawa (Okayo, ihre Schwester), Minoru Chiaki (Tonosama, Ex-Samurai), Kamatari Fujiwara (Schauspieler), Bokuzen Hidari (Kahei, Priester), Eijiro Tono (Tomekichi, der Kesselflicker), Haruo Tanaka (Tatsu).

Anmerkung: In einem Nachtasyl für gescheiterte Existenzen treffen sich unterschiedlichste Individuen: eine Prostituierte, ein verwahrloster Samurai, ein straffälliger Gelehrter, ein alkoholkranker Schauspieler, ein Dieb und ein Handwerker mit seiner todkranken Frau. Diese mittellosen, unterprivilegierten und von ihrem Lebensumständen erniedrigten Menschen sehnen sich nach einem besseren Leben – ohne die Kraft aufzubringen, ihre Situation zu ändern. Ein freundlicher buddhistischer Priester, der ebenfalls noch im Nachtasyl Obdach findet, glaubt an diese ‚Kraft zum Guten’. Er versucht, den Charakteren bei ihrer Selbstfindung zu helfen und ihnen so ein besseres Leben zu ermöglichen. Da er jedoch die wahren Schwächen und Abhängigkeiten verkennt, muss er scheitern und richtet letztlich noch größeres Unheil an: Nach einem Mord und mehreren Verhaftungen kehrt die anfängliche Hoffnungslosigkeit in das Nachtasyl zurück. – Nachtasyl ist eine nah an der Vorlage gearbeitete Adaption von Maxim Gorkis gleichnamigem Theaterstück. Wie in der Romanadaption Der Idiot zuvor hat jede Figur aus dem Theaterstück ein entsprechendes Gegenstück im Film, was erneut Kurosawas Respekt für die russische Literatur unterstreicht. Im Gegensatz zu Jean Renoirs Verfilmung von 1936 folgt Kurosawas Film Gorkis Stück wortgetreu, so dass er vor allem den Pessimismus der Vorlage teilt. Dieser jidai-geki ist in der Edo-Zeit (1603-1868), der am längsten andauernden Friedenszeit in Japans Geschichte, angesiedelt. Doch der äußere Frieden täuscht: Nachtasyl ist keinesfalls als nostalgische Rückschau zu verstehen, sondern als Dekonstruktion eines historischen Mythos’ von der Zeit des Friedens. Um dem eingeschränkten Setting des Nachtasyls Dynamik und Flexibilität zu verleihen, nutzte Kurosawa erneut zahlreiche verschiedene Einstellungen und mehrere Kameras. Dabei bleibt der Kammerspielcharakter ungebrochen: Die Bewohner erscheinen als Gefangene ihres Asyls, können ihm bis zum Ende nicht entfliehen. Außerhalb wie innerhalb der Mauern erwartet sie die Exekutive des Gesetzes oder der Tod. Das Nachtasyl erscheint hier als Ort des allgegenwärtigen Grauens, als Vorhölle. Die Eingeschränktheit des Schauplatzes lenkt den Blick umso intensiver auf die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten. Kurosawa entlarvt gnadenlos gesellschaftliche und charakterliche Extreme, die letztendlich wie in den zuvor diskutierten Filmen in Wahnsinn und Tod münden. Was bleibt, ist Verwirrung und Hoffnungslosigkeit, denn Kurosawa zeigt weder die Gründe für den Verfall, noch deutet er einen Ausweg aus der Misere an. Nachtasyl mag somit als radikalster und reinster Ausdruck seiner Weltsicht gelten, an den er mit Dodeskaden, Kagemusha und Ran später noch anknüpfen sollte.

 

Das Schloss im Spinnwebwald

Kumonosu-jo

Japan 1957

Deutscher Titel: Das Schloss im Spinnwebwald

Länge: 105 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto, Ryuzo Kikushima; nach einem Drama von William Shakespeare

Produktion: Akira Kurosawa, Sojiro Motoki

Musik: Masaru Sato

Kamera: Asakazu Nakai

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Toshiro Mifune (Taketori Washizu), Isuzu Yamada (Asaji, seine Frau), Akira Kubo (Yoshiteru Miki).

Anmerkung: Die Samurai Washizu und Miki sind nach erfolgreichem Kampf auf dem Rückweg zu ihrem Fürsten. Auf ihrem Weg verirren sie sich im legendären Spinnwebwald und treffen auf einen Geist, der Miki die Herrschaft über die ‚Erste Festung‘ und Washizu die Macht über das ‚Nordhaus’ prophezeit. Später soll Washizu zum Nachfolger des Fürsten werden, ein Sohn Mikis werde ihn aber ablösen. Noch am selben Tag bewahrheitet sich die erste Prophezeiung. Washizus machtgierige Frau Asaji bedrängt ihren Gatten, den Fürsten zu töten, um dessen Stelle einzunehmen und so die zweite Vorhersage zu erfüllen. Trotz erheblicher Gewissenskonflikte fügt sich Washizu und erlangt tatsächlich die Herrschaft über das Reich. Um den Rest der Prophezeiung nun zu verhindern, nötigt ihn Asaji, den Befehl zu geben, auch seinen Freund Miki und dessen Sohn zu töten – dann gehöre die Macht ihm und niemand wisse um die eigentliche Weissagung. Mikis Sohn kann dem Anschlag entkommen und verbündet sich mit dem Sohn des alten Fürsten. Als ihre Heere auf das Schloss marschieren, sucht Washizu noch einmal den Geist im Spinnwebwald auf. Dieser prophezeit Washizu, er könne so lange nicht besiegt werden, als nicht der Wald selbst an sein Schloss heranrücke. Voller Freude kehrt Washizu zurück und verkündet die Prophezeiung. Doch bald nähern sich die Bäume des Spinnwebwaldes tatsächlich, da das feindliche Heer diese als Deckung vor sich her trägt. Voller Furcht töten Washizus Männer ihren eigenen Anführer in einem Pfeilhagel. – Das Schloss im Spinnwebwald kann als freie Adaption von Shakespeares Drama „Macbeth“ gesehen werden, wobei Kurosawa im Rahmen seiner transkulturellen Übertragung keine Originaldialoge übernahm. Um eine mystische Umgebung zur Verfügung zu haben, ließ er den Außenbereich der Festung nahe dem heiligen Berg Fuji bauen. Der Schlosshof wurde dann in den Tamagawa Studios gebaut, in die der vulkanische Boden des Fuji-san gebracht wurde, so dass es keine Kontinuitätsprobleme gab. Die nebelüberzogenen Waldszenen waren eine Kombination von Aufnahmen des tatsächlichen Fuji-Bergwaldes und von Studioaufnahmen in Tokio. Washizus Herrenhaus wurde wie bei Die sieben Samurai auf der Izu-Halbinsel errichtet. Kurosawa nutzte den Nebel um Fuji-san als Basismotiv für den gesamten Film. Für Washizus berühmte Todesszene wurde Mifune mit echten Pfeilen beschossen, deren Richtung er mit abgesprochenen Gesten dirigierte. Dieser Authentizismus hilft Mifune zweifellos, die Todesangst zu vermitteln.

Die sieben Samurai

Shichinin no samurai

Japan 1954

Deutscher Titel: Die sieben Samurai

Länge: 207 Minuten, Deutsche Länge: 167 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto, Hideo Oguni

Produktion: Sojiro Motoki

Musik: Fumio Hayasaka

Kamera: Asakazu Nakai

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Takashi Shimura (Kambei Shimada), Toshiro Mifune (Kikuchiyo), Yoshio Inaba (Gorobei Katayama), Seiji Miyaguchi (Kyuzo), Minoru Chiaki (Heihachi Hayashida), Daisuke Kato (Shichiroji), Isao Kimura (Katsuhiro).

Anmerkung: Japan 1587: Ein kleines Bauerndorf wird jährlich von Banditen überfallen, die die mühsame Ernte ausplündern. Kurz bevor die nächste Ernte reif ist, entschließen sich die Bauern, Samurai zur Verteidigung anzuheuern, denn der Dorfälteste erinnert sich daran, dass er eine vergleichbare Situation bereits erlebt hatte: Als sein Heimatdorf von Banditen geplündert wurde, floh er; bei seiner Flucht passierte er ein Dorf, das unversehrt geblieben war, da die Dorfbewohner Samurai engagiert hatten.Die Bauern können die Samurai lediglich mit Verpflegung entlohnen, daher sind einige skeptisch und glauben, dass die Samurai zu stolz sind, um für diese Art von Lohn zu kämpfen. Daraufhin entgegnet der Dorfälteste, man müsse nur Samuari finden, die arm und hungrig genug seien: „Sogar der Bär verlässt seine Höhle, wenn der Hunger ihn treibt.“In mühevoller Suche finden sie sieben Kämpfer: den alternden Samurai Kambei, Katsuhiro, Heihachi, Gorobei, Shichiroji, Kyuzo und Kikuchiyo. Diese kämpfen für das Dorf, bilden die Bauern an improvisierten Waffen aus und besiegen am Ende die Banditen. Allerdings verlieren vier der Samurai ihr Leben bei diesem Kampf. – Kurosawas erster jidai-geki seit Die Männer, die dem Tiger auf den Schwanz traten, und zugleich seiner erster ernsthafter Historienfilm seit Die Legende vom großen Judo, gliedert sich in drei Teile: das Anwerben der sieben Samurai, die Vorbereitungen auf den Kampf gegen die Banditen und schließlich den finalen Kampf im Regen. Im ersten Teil werden alle Samurai in beispielhaften Momenten etabliert und erhalten so einen stark individualisierten Charakter. Dadurch ist das Verhältnis zum bushido ambivalent. Kurosawa plante ursprünglich einen Film über einen einzigen Tag im Leben eines Samurai, doch als er die Geschichte von den Bauern in Not hörte, schien ihm dies ein geeigneterer Stoff. Im Grunde gibt es in diesem Film sechs Samurai und einen inoffiziellen Anwärter (Mifune), der vermutlich selbst Bauernsohn ist und wenig vom Verhaltenskodex des bushido repräsentiert. Ähnlich wie der Räuber Tajumaro in Rashomon ist er sehr expressiv in seiner Körpersprache, trägt keine traditionelle Kleidung und wirkt auch sonst meist verroht. Im Laufe des Kampfes wächst er über sich hinaus, muss aber sein Leben lassen. Mifune bekam von Kurosawa während der 148 Drehtage viel Raum zur schauspielerischen Improvisation. Die Tōhō Studios sahen mit Sorge, wie das Budget immer weiter ausuferte, als Kurosawa ein ganzes Dorf für den Film auf der Halbinsel Izu aufbauen und wieder zerstören ließ. Die finale Schlacht sollte ursprünglich im Spätsommer gedreht werden, musste dann aber in winterlicher Kälte im Februar umgesetzt werden. Um den Schauspielern viel Raum für Improvisation zu geben und lange Szenen am Stück zu drehen, um die Authentizität zu erhöhen, entschied sich Kurosawa, mehrere Kameras mit langen Brennweiten einzusetzen, die sich nicht gegenseitig und den Akteuren in den Weg kommen würden. Auf diese Weise entwickelte er einen Stil, den er in den folgenden Jahren noch ausdifferenzierte.

Ikiru

Japan 1952

Deutscher Titel: Ikiru – Einmal wirklich leben

Länge: 143 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto

Produktion: Sajiro Motoki

Musik: Fumiyo Hayasaki

Kamera: Asakazu Nakai

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Takashi Shimura (Kanji Watanabe), Shinichi Himori (Kimura), Haruo Tanaka (Sakai), Nobuo Kaneko (Mitsuo, Kanjis Sohn), Bokuzen Hidari (Ohara), Miki Odagiri (Toyo).

Anmerkung: Kanji Watanabe ist ein langjähriger Beamter in der Tokioer Stadtverwaltung, der wie seine Kollegen sein ganzes Berufsleben vor allem damit fristet, nichts sinnvolles zu tun, außer Akten zu häufen und Bittsteller weiterzuverweisen. Als er erfährt, dass er bald an Krebs sterben wird, will er seinem Leben endlich Sinn geben. Abends hört er, wie sein Sohn mit der Verlobten über seine Ersparnisse spricht und verlässt irritiert das Haus. In der Stadt trifft er einen Schriftsteller, der ihn durch die Spielhallen und Stripclubs des Nachtlebens führt, doch Watanabe entzieht sich bald. Als nächstes verbringt er Zeit gemeinsam mit Toyo, einer jungen Frau aus seinem Büro, doch nach einigen gemeinsamen Tagen beendet sie die merkwürdige Gemeinschaft. Watanabe erkennt, dass er auch durch sie dem Leben nicht näher kommen wird. Er kehrt in sein Büro zurück und besinnt sich eines Antrages, den er abgewiegelt hatte: Einige Frauen wollten den Bau eines Spielplatzes in ihrem trostlosen Viertel veranlassen. Wenig später ist Watanabe tot, und seine Kollegen reflektieren über seine letzten Woche. Watanabe hatte sich gegen den Widerstand der Ämter erfolgreich für den Spielplatz eingesetzt. Mitten in der Nacht stirbt er glücklich lachend auf der Schaukel. Die Kollegen beschließen betrunken, sich Watanabes Ambitionen zum Vorbild zu nehmen, doch das Ende des Films zeigt: Sehr bald verstecken sie sich wieder hinter ihren unbearbeiteten Aktenbergen. – Ikiru, ein durchaus sentimental angelegtes male melodrama genießt den Ruf eines japanischen Klassikers und wird oft von Regisseuren als Vorbild zitiert (u.a. Steven Spielberg). Dabei ist der Film durchaus komplex strukturiert: Er erzählt wesentliche Teile erst im Rückblick, in dem sich das Bild von Watanabe rundet. Ungeachtet aller Sentimentalität ist der Film sowohl traditionalistisch-konservativ geprägt – Watanabe findet das wesentliche Glück seines Lebens in der bedingungslosen Pflichterfüllung bis zu seinem Tod und entsagt den oberflächlichen Vergnügungen – als auch pessimistisch, denn er lässt keinen Zweifel daran, dass Watanabes vorbildhaftes Verhalten keine Spuren hinterlassen hat und die Beamten so korrupt sind wie zuvor. Ein humanistisch-rührseeliges Porträt des Alterns und Sterbens wird erst Kurosawas in der Tat letzter Film Madadayo bieten. Watanabe – von seinem acteur fétich Shimura gespielt – erscheint vielmehr als spätes Erbe des bushido in zivilem Kontext (dabei ist zu bedenken, dass gerade der Samurai-Stand in Friedenszeiten im Beamtentum aufging). Kurosawas Verdienst hier ist der zugleich distanzierte wie anteilnehmende Blick der Kamera, die Watanabes Empfindungen protokolliert und ihn in beispielhaften Vignetten inszeniert, die stets eine filmische Gegenwart behaupten und spürbar machen. Dabei entwickelt Kurosawa seinen visuellen Stil signifikant weiter, ironisiert und bricht seine Stilmittel gezielt (axialen Schnitt, Wischblenden, Gesichts-close-ups). Das Lied, das Kanji Watanabe in einem Schlüsselmoment singt, heißt „Gondola no uta“ (1915), ein Lied über Frauen und wie sie Liebe finden sollten, bevor die Zeit abgelaufen ist. Auch hier knüpft Kurosawa an seine Tradition an, an zentralen Stellen Lieder zu integrieren (oder ikonische Melodien, wie in Ein wunderschöner Sonntag, Rashomon u.a.).

Hakuchi

Japan 1951

Deutscher Titel: Der Idiot

Länge: 166 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Eijirô Hisaita; nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski

Produktion: Takashi Koide

Musik: Fumio Hayasaka

Kamera: Toshio Ubukata

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Setsuko Hara (Taeko Nasu), Mori Masayuki (Kinji Kameda), Toshiro Mifune (Denkichi Akama), Yoshiko Kuga (Ayako), Takashi Shimura (Ono, Ayakos Vater), Chieko Higashiyama (Satako, Ayakos Mutter), Chiyoko Fumiya (Noriko), Eijirô Yanagi (Tohata), Minoru Chiaki (Mutsuo Kayama), Eiko Miyoshi (Madame Kayama), Noriko Sengoku (Takako), Mitsuyo Akashi (Madame Akama).

Anmerkung: Der Film basiert auf dem Roman „Der Idiot“ von Fjodor Dostojewski. Darin kehrt ein russischer, unter Epilepsie leidender Fürst nach einem Aufenthalt im Sanatorium nach St. Petersburg zurück. Aufgrund seiner Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wird er von der dekadenten, intriganten Gesellschaft als ‚naiver Idiot‘ angesehen. Kurosawas Verfilmung des Stoffes als gendai-geki ist im winterlichen Nachkriegsjapan angesiedelt: Auf der Rückreise nach Hokkaido trifft der spielsüchtige, von seiner Familie verstoßene Denkichi Akama auf den Epileptiker Kenji Kameda (der Fürst bei Dostojewski), der gerade aus dem Sanatorium entlassen wurde. Die Männer werden zu Rivalen, als sie um die Gunst der schönen Taeko Nasu buhlen, die zugleich die ehemalige Geliebte eines Freundes der Familie Ono ist. Unterschiedliche Dreiecksverhältnisse zwischen den Protagonisten führen letztendlich zu Tod und Wahnsinn. Im Unterschied zum Roman, der in vier Teile unterteilt ist, besteht der Film aus zwei Abschnitten, die „Liebe und Qual“ und „Liebe und Hass“ betitelt wurden. Die Beziehung zwischen Kameda, Taeko und Akama bildet dabei den Kern des Films, doch auch Kamedas Zerrissenheit zwischen Taeko und Ayako, mit der er sich im späteren Verlauf des Films verlobt, spielt eine wesentliche Rolle. In einem zusätzlichen Dreiecksverhältnis verliebt sich Kayama, Onos Sekretär, in Ayako und sieht deshalb in Kameda einen Rivalen. Die primäre Dreiecksstruktur Kameda/Taeko/Akama wird unmittelbar zu Beginn des Films etabliert, als Akama Kameda ein Bild von Taeko im Schaufenster eines Ladens zeigt und von ihrer Schönheit schwärmt. In dieser Einstellung spiegeln sich Kameda und Akama im Schaufenster, das sie mit Taekos Fotographie verbindet (einer von Kurosawas auch sonst typischen ‚three-shots’). Diese Spiegelinszenierung macht zugleich den ideellen und illusorischen Charakter dieses Begehrensdreiecks deutlich, denn Taeko liebt Kameda zwar, doch will sie ihn, den Makellosen, und seinen Ruf, nicht durch ihre Schande als ‚gefallene Frau’ beschmutzen. So erwählt sie stattdessen Akama, der wiederum, zerfressen von der Eifersucht auf Taekos und Kamedas Liebe und im Wissen, dass er nur die zweite Wahl ist, am Ende Taeko ersticht. Diesem fatalen Gewaltakt geht die Zuspitzung einer anderen Dreiecksstruktur voraus: Nachdem die Onos in Kamedas und Ayakos Verlobung eingewilligt haben, enthüllt Ayako, von Taeko Briefe erhalten zu haben, in welchen diese sie bittet, Kameda zu heiraten. Ayako verlangt ein Treffen zu dritt. Bei diesem kommt es zu einem Missverständnis zwischen den Frauen: Während Ayako nicht begreift, dass Taeko sie insgeheim bewundert, empfindet Taeko die andere Frau als arrogant und hochnäsig, nicht ahnend, dass Ayakos Verhalten eher auf Unsicherheit und Eifersucht basiert. Im Film agieren Taeko und Ayako folglich als zwei konträre Repräsentationen von Weiblichkeit: die Hure und die Heilige. Wie Akama und Kameda bilden sie ihr jeweiliges Gegenstück mit Ayako als der guten Tochter und Taeko als der sündigen, gefallenen Frau. Nachdem Taeko Kameda auffordert, zwischen den beiden Frauen zu wählen, flieht Ayako, enttäuscht von Kamedas Zögern, aus Akamas Haus. – Der Idiot ist der Überkomplexität des Plots nicht immer inszenatorisch gewachsen, verdichtet das existenzielle Dreiecksdrama aber in streng stilisierten und mitunter visionären Bildern, die von ihrem schneebedeckten Schauplatz zehren. Kurosawas lange gehegtes Herzensprojekt, diesen Roman seines Lieblingsschriftstellers zu verfilmen, resultierte in einem monumental langen Melodram, das in seiner über vierstündigen Originalfassung jedoch vom Studio abgelehnt wurde und in dieser Form nicht erhalten ist. Die fast dreistündige Kinofassung transportiert jedoch die Essenz von Kurosawas Ambition: menschliche Fehlbarkeit, die Unfähigkeit, das Wahrhaftige zu erkennen und zu leben, in einem vielschichtigen Geflecht menschlicher Begierden zu erkunden. ‚A bright dark valley’ – die menschliche Seele.

Rashomon – Das Lustwäldchen

Rashomon

Japan 1950
Deutscher Titel: Rashomon – Das Lustwäldchen
Länge: 88 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Shinobu Hashimoto, Akira Kurosawa; nach zwei Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa
Produktion: Daiei
Musik: Fumio Hayasaka
Kamera: Kazuo Miyagawa
Schnitt: Akira Kurosawa
Besetzung: Toshiro Mifune (Tajomaru, der Bandit), Machiko Kyo (Masako, die Frau), Masayuki Mori (Takehiro, der Samurai), Kichijiro (Ueda), Takashi Shimura (Holzfäller), Minoru Chiaki (Mönch), Fumiko Honma (Geisterfrau).

Anmerkung: Man schreibt die Heian-Zeit (794-1184): Ein Holzfäller und ein Mönch suchen am ruinenhaften Stadttor ‚Rashomon’ (‚Geistertor’) in Kyoto Unterschlupf vor dem endlosen Regen. Ihr Dialog dient als Ausgangspunkt für eine komplexe Rückblende: Der Holzfäller hat vor drei Tagen im Wald die Leiche eines Samurai gefunden. Er berichtet von der darauf erfolgten Gerichtsverhandlung und den widersprüchlichen Zeugenaussagen. So konträr die Darstellungen auch scheinen mögen, jede Perspektive erfährt durch den suggerierten Realismus eine irritierende Objektivierung. Unbestreitbar ist, dass der Räuber Tajomaru vor den Augen des gefesselten Samurai dessen Ehefrau Masago vergewaltigte. Was danach geschah, erscheint je nach Blickwinkel verschieden. Dem Räuber zufolge forderte die Frau beide Männer zum Duell auf, woraus Tajumaru siegreich hervorgegangen sei. Masago will nach dem sexuellen Missbrauch ihren Mann gebeten haben, sie zu töten, doch dieser habe sie nur mit Verachtung gestraft, worauf sie ihn getötet habe. Durch den Mund eines Mediums spricht schließlich auch der Tote: Masago habe nach der Vergewaltigung mit Tajomaru gehen wollen und den Räuber gebeten, ihren Ehemann zu töten: doch Tajomaru sei verschwunden und der Samurai habe sich selbst entleibt. Der Holzfäller behauptet nun, dass er das Verbrechen selbst beobachtet haben und letztlich keine der Aussagen der Wahrheit entspreche: Die Männer seien nahezu hysterisch und blindwütig aufeinander losgegangen, nachdem die Frau sie als Feiglinge bezeichnet habe. „Das Entsetzliche ist, dass es keine Wahrheit zu geben scheint“, sagte der Mönch einleitend, und tatsächlich wird der wirkliche Tathergang nicht geklärt. Als der Regen aufhört, wird ein Kinderweinen hörbar. Der Holzfäller, selbst ein Lügner wie alle anderen, der vermutlich einen Diebstahl verdecken wollte, nimmt sich des ausgesetzten Babys an. –  Kurosawas viel diskutierter Film lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf das japanische Kino, nachdem er auf dem Filmfestival in Venedig ausgezeichnet worden war. Der Film zeigt, dass die Menschen nicht leben können, ohne sich selbst zu belügen, ohne ihr Selbstbild zu schönen. In seiner Variantenmontage, die auf eine Ebene filmischer Objektivität verzichtet, und in seiner extrem dynamischen Bildsprache erscheint Kurosawas Werk noch heute frappierend modern. Er ähnelt in seiner episodischen Variantenstruktur späteren Filmen wie etwa Vantage Point / 8 Blickwinkel (2008) von Pete Travis. 1964 entstand mit Martin Ritts Western The Outrage / Carrasco der Schänder ein direktes Remake von Rashomon, in dem Kurosawa einen offiziellen Drehbuch-Credit erhielt.