Nachtasyl

Donzoko

Japan 1957

Deutscher Titel: Nachtasyl

Länge: 130 Minuten

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Hideo Oguni, Akira Kurosawa; nach einem Drama von Maxim Gorki

Musik: Masaru Sato

Kamera: Ichio Yamasaki

Schnitt: Akira Kurosawa

Besetzung: Toshiro Mifune (Sutekichi, Dieb), Isuzu Yamada (Osugi, Wirtin), Ganjiro Nakamura (Rokubei, ihr Mann), Kyoko Kagawa (Okayo, ihre Schwester), Minoru Chiaki (Tonosama, Ex-Samurai), Kamatari Fujiwara (Schauspieler), Bokuzen Hidari (Kahei, Priester), Eijiro Tono (Tomekichi, der Kesselflicker), Haruo Tanaka (Tatsu).

Anmerkung: In einem Nachtasyl für gescheiterte Existenzen treffen sich unterschiedlichste Individuen: eine Prostituierte, ein verwahrloster Samurai, ein straffälliger Gelehrter, ein alkoholkranker Schauspieler, ein Dieb und ein Handwerker mit seiner todkranken Frau. Diese mittellosen, unterprivilegierten und von ihrem Lebensumständen erniedrigten Menschen sehnen sich nach einem besseren Leben – ohne die Kraft aufzubringen, ihre Situation zu ändern. Ein freundlicher buddhistischer Priester, der ebenfalls noch im Nachtasyl Obdach findet, glaubt an diese ‚Kraft zum Guten’. Er versucht, den Charakteren bei ihrer Selbstfindung zu helfen und ihnen so ein besseres Leben zu ermöglichen. Da er jedoch die wahren Schwächen und Abhängigkeiten verkennt, muss er scheitern und richtet letztlich noch größeres Unheil an: Nach einem Mord und mehreren Verhaftungen kehrt die anfängliche Hoffnungslosigkeit in das Nachtasyl zurück. – Nachtasyl ist eine nah an der Vorlage gearbeitete Adaption von Maxim Gorkis gleichnamigem Theaterstück. Wie in der Romanadaption Der Idiot zuvor hat jede Figur aus dem Theaterstück ein entsprechendes Gegenstück im Film, was erneut Kurosawas Respekt für die russische Literatur unterstreicht. Im Gegensatz zu Jean Renoirs Verfilmung von 1936 folgt Kurosawas Film Gorkis Stück wortgetreu, so dass er vor allem den Pessimismus der Vorlage teilt. Dieser jidai-geki ist in der Edo-Zeit (1603-1868), der am längsten andauernden Friedenszeit in Japans Geschichte, angesiedelt. Doch der äußere Frieden täuscht: Nachtasyl ist keinesfalls als nostalgische Rückschau zu verstehen, sondern als Dekonstruktion eines historischen Mythos’ von der Zeit des Friedens. Um dem eingeschränkten Setting des Nachtasyls Dynamik und Flexibilität zu verleihen, nutzte Kurosawa erneut zahlreiche verschiedene Einstellungen und mehrere Kameras. Dabei bleibt der Kammerspielcharakter ungebrochen: Die Bewohner erscheinen als Gefangene ihres Asyls, können ihm bis zum Ende nicht entfliehen. Außerhalb wie innerhalb der Mauern erwartet sie die Exekutive des Gesetzes oder der Tod. Das Nachtasyl erscheint hier als Ort des allgegenwärtigen Grauens, als Vorhölle. Die Eingeschränktheit des Schauplatzes lenkt den Blick umso intensiver auf die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten. Kurosawa entlarvt gnadenlos gesellschaftliche und charakterliche Extreme, die letztendlich wie in den zuvor diskutierten Filmen in Wahnsinn und Tod münden. Was bleibt, ist Verwirrung und Hoffnungslosigkeit, denn Kurosawa zeigt weder die Gründe für den Verfall, noch deutet er einen Ausweg aus der Misere an. Nachtasyl mag somit als radikalster und reinster Ausdruck seiner Weltsicht gelten, an den er mit Dodeskaden, Kagemusha und Ran später noch anknüpfen sollte.

 

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