Rashomon – Das Lustwäldchen

Rashomon

Japan 1950
Deutscher Titel: Rashomon – Das Lustwäldchen
Länge: 88 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Shinobu Hashimoto, Akira Kurosawa; nach zwei Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa
Produktion: Daiei
Musik: Fumio Hayasaka
Kamera: Kazuo Miyagawa
Schnitt: Akira Kurosawa
Besetzung: Toshiro Mifune (Tajomaru, der Bandit), Machiko Kyo (Masako, die Frau), Masayuki Mori (Takehiro, der Samurai), Kichijiro (Ueda), Takashi Shimura (Holzfäller), Minoru Chiaki (Mönch), Fumiko Honma (Geisterfrau).

Anmerkung: Man schreibt die Heian-Zeit (794-1184): Ein Holzfäller und ein Mönch suchen am ruinenhaften Stadttor ‚Rashomon’ (‚Geistertor’) in Kyoto Unterschlupf vor dem endlosen Regen. Ihr Dialog dient als Ausgangspunkt für eine komplexe Rückblende: Der Holzfäller hat vor drei Tagen im Wald die Leiche eines Samurai gefunden. Er berichtet von der darauf erfolgten Gerichtsverhandlung und den widersprüchlichen Zeugenaussagen. So konträr die Darstellungen auch scheinen mögen, jede Perspektive erfährt durch den suggerierten Realismus eine irritierende Objektivierung. Unbestreitbar ist, dass der Räuber Tajomaru vor den Augen des gefesselten Samurai dessen Ehefrau Masago vergewaltigte. Was danach geschah, erscheint je nach Blickwinkel verschieden. Dem Räuber zufolge forderte die Frau beide Männer zum Duell auf, woraus Tajumaru siegreich hervorgegangen sei. Masago will nach dem sexuellen Missbrauch ihren Mann gebeten haben, sie zu töten, doch dieser habe sie nur mit Verachtung gestraft, worauf sie ihn getötet habe. Durch den Mund eines Mediums spricht schließlich auch der Tote: Masago habe nach der Vergewaltigung mit Tajomaru gehen wollen und den Räuber gebeten, ihren Ehemann zu töten: doch Tajomaru sei verschwunden und der Samurai habe sich selbst entleibt. Der Holzfäller behauptet nun, dass er das Verbrechen selbst beobachtet haben und letztlich keine der Aussagen der Wahrheit entspreche: Die Männer seien nahezu hysterisch und blindwütig aufeinander losgegangen, nachdem die Frau sie als Feiglinge bezeichnet habe. „Das Entsetzliche ist, dass es keine Wahrheit zu geben scheint“, sagte der Mönch einleitend, und tatsächlich wird der wirkliche Tathergang nicht geklärt. Als der Regen aufhört, wird ein Kinderweinen hörbar. Der Holzfäller, selbst ein Lügner wie alle anderen, der vermutlich einen Diebstahl verdecken wollte, nimmt sich des ausgesetzten Babys an. –  Kurosawas viel diskutierter Film lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf das japanische Kino, nachdem er auf dem Filmfestival in Venedig ausgezeichnet worden war. Der Film zeigt, dass die Menschen nicht leben können, ohne sich selbst zu belügen, ohne ihr Selbstbild zu schönen. In seiner Variantenmontage, die auf eine Ebene filmischer Objektivität verzichtet, und in seiner extrem dynamischen Bildsprache erscheint Kurosawas Werk noch heute frappierend modern. Er ähnelt in seiner episodischen Variantenstruktur späteren Filmen wie etwa Vantage Point / 8 Blickwinkel (2008) von Pete Travis. 1964 entstand mit Martin Ritts Western The Outrage / Carrasco der Schänder ein direktes Remake von Rashomon, in dem Kurosawa einen offiziellen Drehbuch-Credit erhielt.

Skandal

Shubun

Japan 1950
Deutscher Titel: Skandal
Länge: 104 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Produktion: Takashi Koide
Drehbuch: Akira Kurosawa, Ryuzo Kikushima
Musik: Fumio Hayasaka
Besetzung: Toshirô Mifune  (Ichirô Aoye), Shirley Yamaguchi             (Miyako Saijo), Yôko Katsuragi (Masako Hiruta), Noriko Sengoku (Sumie), Eitarô Ozawa (Hori), Takashi Shimura (Attorney Hiruta).

Anmerkung: Ichiro Aoye, ein bekannter Maler, begegnet während der Arbeit an einem Bild in den Bergen einer jungen klassischen Sängerin, Miyako Saijo. Da sie im selben Hotel wohnen, nimmt er sie auf seinem Motorrad mit zurück. Auf dem Weg dorthin werden sie von Paparazzi für das Klatsch-Magazin Amour gesichtet und beobachtet. Als sich Saijo weigert, den Fotografen ein Interview zu gewähren, rächen sich diese, indem sie ein Bild der beiden, die gemeinsam auf dem Balkon frühstücken und ihre Handtücher nebeneinander zum Trocknen aufgehängt haben, unter dem Titel „Die Liebesgeschichte von Miyako Saijo und Aoye“ veröffentlichen. Aoye ist durch diesen provozierten Skandal empört und plant, das Magazin zu verklagen. Während des anschließenden Medienrummels wird Aoye von dem heruntergekommenen Anwalt Hiruta unterstützt. Hiruta jedoch, der dringend Geld benötigt, um seine tuberkulosekranke Tochter Masako zu pflegen, nimmt zusätzlich Bestechungsgeld vom Herausgeber der Zeitschrift an, um den Prozess mit Absicht zu verlieren. Der Prozess scheitert entsprechend für Aoye. Hiruta wird daraufhin von seiner Schuld verzehrt, zumal seine Tochter ihm diese Korruption nicht vergibt. Masako stirbt in der Überzeugung, dass Aoye und Saijo den Prozess noch gewinnen können. Am letzten Tag des Prozesses bricht Hiruta zusammen, geplagt von seinem Gewissen, und gesteht seine Verfehlung, obwohl ihm daraufhin die Lizenz entzogen wird. – Skandal ist inspiriert von einem realen Vorfall, in dem Akira Kurosawa von der Presse eine Affäre mit der Schauspielerin Hideko Takamine unterstellt wurde. Und so gerät der Film zur harschen Polemik gegen den Missbrauch der Presse und deren Freiheiten, die nach westlichem Muster im Japan der Nachkriegszeit etabliert worden waren. Diese Polemik ist durchaus drastisch und pointiert erneut den Konflikt zwischen einem aufrichtigen Traditionalismus und einer korrupten Moderne. Die Zeichnung der Charaktere fügt sich nahtlos in dieses Modell und kennzeichnet sowohl die Presse als auch den schwachen Anwalt als Vertreter eines korrupten Systems. So hat auch die Inszenierung des Prozesses nichts von der Ambivalenz, die Kurosawas im selben Jahr entstandenen Rashomon auszeichnet (die frontal gefilmten Zeugenaussagen gleichen sich jedoch formal). Bei den Falschaussagen kommen erneut die Wischblenden zum Einsatz, und große Freude schien Kurosawa an der Inszenierung von Aoyes westlichem Lebensstil zu haben. Das prägnante Motorrad unterliegt als Motiv bereits dem Vorspann und wird auch später zum Schlüsselmotiv. Es verleiht dem hier etwas ungewöhnlich besetzten Mifune jenen rebellischen Charme, den er auch in den klassischen Rollen danach verströmt. Einige kleine Gesten (vor allem das Nasewischen und Kopfkratzen in Stresssituationen) schaffen zusätzlich Kontinuität. Wandlungsfähig erscheint dagegen Shimura in einer fast bemitleidenswerten Rolle als schäbiger, verarmter Anwalt, dessen verfallendes Büro zum Spiel seiner Psyche wird. Auch dieser Film kann wie Ein wunderschöner Sonntag und Das stumme Duell als Melodram betrachtet werden, das mit sorgfältig stilisierten Bildern ein Höchstmaß an Rührung anstrebt, vor allem in den Szenen zwischen dem korrupten Vater und seiner moralisch völlig reinen, aber todkranken Tochter. Hier wird eine Ebene der Moralisierung deutlich, die man mit Kurosawas oft beschworenem Humanismus verbinden könnte, die aber letztlich der skeptischen und pessimistischen Ambivalenz seiner späteren Werke unterlegen ist.

Der streunende Hund

Nora Inu

Japan 1949
Deutscher Titel: Der streunende Hund
Länge: 122 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Ryuzo Kikushima, Akira Kurosawa
Produktion: Sojiro Motoki
Musik: Fumio Hayasaka
Kamera: Asakazu Nakai
Schnitt: Toshio Goto, Yoshi Sugihara
Besetzung: Toshiro Mifune (Murakami), Takashi Shimura (Sato), Keiko Awaji (Harumi Namaki), Eiko Miyosi (Harumis Mutter), Isao Kimura (Yusa), Gen Shimizu (Inspektor Nakajima), Reisaburo Yamamoto (Hondo).

Anmerkung: Während einer zermürbenden Hitzewelle über dem zerbombten Nachkriegs-Tokio bekommt ein Neuling der Mordkommission, Murakami, seine Pistole in der Straßenbahn gestohlen. In der Folge macht er Jagd auf den Taschendieb, und erst als dieser entkommt, meldet er den Verlust voller Scham an die Zentrale. Auf der Suche nach möglichen Verdächtigen begibt er sich undercover in das Labyrinth der Stadt. Als seine Waffe jedoch bei einem Verbrechen verwendet wird, wendet sich Murakami an den älteren und erfahreneren Detektiv Sato. Durch die Befragung eines Verdächtigen stellen Sato und Murakami bei einem Baseballspiel den Waffenhändler Honda. Dieser bringt sie auf die Spur von Yusa, einem enttäuschten Kriegsveteran, der jedoch verschollen scheint. Die Polizisten verhören Yusas Schwester und seine Geliebte, das Showgirl Harumi Namiki, – erneut ohne Erfolg. Murakamis Waffe wird nun in einem anderen Verbrechen, diesmal als Mordwaffe benutzt. Die Polizisten befragen Namiki am Haus ihrer Mutter. Es gelingt Sato, den Verdächtigen in einem Hotel zu stellen, er wird jedoch angeschossen. Der verzweifelte Murakami kommt früh genug, um im Krankenhaus Blut für seinen Freund zu spenden. Am nächsten Morgen informiert Namiki Murakami im Krankenhaus, dass sie einen Termin mit Yusa am Bahnhof hat. Murakami rennt zu dem Treffen und verfolgt Yusa in einen nahe liegenden Wald, wo es zum verheerenden Endkampf kommt. Zurück im Krankenhaus, hat sich Sato bereits erholt und gratuliert Murakami zur Beförderung. – Ein streunender Hund gilt als Kurosawas japanese noir. Dabei ist er in seinen semidokumentarischen Bildern vom Alltag der Nachkriegsgesellschaft vor allem vom italienischen neorealismo geprägt. Auch erscheint der Charakter Murakamis weniger ambivalent, als dass er lange wie ein tragischer Verlierer erscheint. Typisch ist das Meister-Schüler-Verhältnis, das er zu Sato aufbaut, sowie die Doppelgänger-artige Konstruktion des frustrierten Veteranen Yusa, mit dem Murakami am Ende im Schlamm liegend deutlich parallelisiert wird. Wie Zwischen Himmel und Hölle in seiner zweiten Hälfte ist der Film zudem ein Polizeifilm mit minutiöser Darstellung der langwierigen Ermittlungen. Dies gibt Kurosawa die Möglichkeit, einen Mikrokosmos der japanischen Nachkriegsgesellschaft zu entfalten.

Das stumme Duell

Shizukanaru Ketto

Japan 1949
Deutscher Titel: Das stumme Duell
Länge: 95 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Produktion: Daiei
Drehbuch: Senkichi Taniguchi
Musik:  Akira Ifukube
Kamera: Soichi Aisaka
Besetzung: Toshirō Mifune (Dr. Kyoji Fujisaki), Takashi Shimura (Dr. Konosuki Fujisaki), Noriko Sengoku (Schwester Rui Minegishi), Miki Sanjo (Maso Matsumoto), Kenjiro Oemura (Susumu Nakada).

Anmerkung: Während des Krieges (1944) infiziert sich der junge Arzt Dr. Kyoji Fujisaki mit Syphilis, als er sich bei einer Operation verletzt und ungeschützt weiterarbeitet. Jahre später arbeitet er in der Klinik seines Vaters Dr. Konosuki Fujisaki in einem kleinen und schäbigen Viertel. Heimlich behandelt er seine Krankheit durch regelmäßige Injektionen von Salvarsan selbst. Obwohl er sich moralisch nichts vorzuwerfen hat, kann er seine Verlobung mit Misao Matsumoto mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren und löst diese zunächst ohne weitere Erklärungen. Misao ist verzweifelt und beschließt, entgegen ihren eigentlichen Gefühlen einen anderen Mann zu heiraten. Überraschend trifft Kyoji auf Susumu Nakada, jenen Soldaten aus dem Kriegslazarett, bei dem er sich infiziert hatte. Dieser hat in Ignoranz seiner Krankheit auch seine Frau angesteckt, die zudem schwanger ist. Kyoji macht dem Mann klar, dass er und sein Kind hoffnungslos verloren sind, dass man die Frau aber noch rechtzeitig behandeln könne. Doch Nakada reagiert aggressiv und als das Kind missgebildet geboren wird, verfällt er dem letzten Stadium seiner Krankheit. Misao bietet Kyoji noch einmal an, zu ihm zurückzukehren, doch er weist sie zurück. Nakadas Frau kann gerettet werden und Kyoji beschließt, sich fortan nur noch seiner Arbeit zu widmen und Menschen zu helfen. – Das stumme Duell – der Titel bezieht sich auf den inneren Kampf Kyojis – funktioniert nach den Konventionen eines ‚male melodrama’ im Kontext des Arztfilms. Kurosawas Inszenierung ist jedoch sichtlich bemüht, die Konstruiertheit und Trivialität des Plots mit einem visuellen Stil zu überspielen, der am ehesten mit seinen Noir-Filmen vergleichbar ist. So arbeitet er mit extrem kontrastreichen Chiaroscuro-Kompositionen – vor allem in den Klinikräumen –, einem stark psychologischen und emotionalisierten Schauspiel (in einer Schlüsselszene lässt er Mifune gar wimmern und weinen) und nutzt vor allem in der dramatischen Eröffnungssequenz (im Kriegslazarett) einen Gewittersturm als zusätzliche Intensivierung. Das stumme Duell kann als einer von Kurosawas realistischen, ‚westlichen’ Filmen gesehen werden und funktioniert nach generischen Gesichtspunkten noch heute. In seiner Autobiografie äußert sich Kurosawa ambivalent über diese erste Auftragsarbeit für Daiei. Er lobt Mifune, der erstmals in einer nicht ‚toughen’ Rolle zu sehen war und beschreibt seine intensiven Gefühle bei Mifunes Gefühlsausbruch in der Geständnissequenz. Nach seinem Ausscheiden bei Tōhō sei dieser Film wie ein zweites Debüt gewesen. Obwohl der selten gesehene Film zweifellos nicht zu seinen Stärksten gehört, sind die Eröffnungsmomente von hoher inszenatorischer Intensität.

Engel der Verlorenen

Yoidore Tenshi

Japan 1948
Deutscher Titel: Engel der Verlorenen / Der trunkene Engel
Länge: 98 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Keinosuke Uegusa, Akira Kurosawa
Musik: Fumio Hayasaka
Kamera: Takeo Ito
Besetzung: Takashi Shimura (Sanada, der Doktor), Toshiro Mifune (Matsunaga, der Gangster), Reisaburo Yamamoto (Okada, der Bandenchef), Chieko Nakakita (Miyo, die Krankenschwester), Michiyo Kogure (Nanae, Matsunagas Geliebte), Noriko Sengoku (Gin, das Barmädchen), Eitaro Shindo (Takahama, der Freund des Doktors), Choko Iida (der alte Diener).

Anmerkung: Der alkoholkranke aber idealistische Arzt Sanada arbeitet in seiner Praxis in einem Armenviertel der Nachkriegszeit nahe eines giftigen Tümpels. Eines Abends kommt der Gangster Matsunaga vorbei, der nach einer Schießerei mit einem rivalisierenden Syndikat eine Verletzung behandeln lassen muss. Sanada näht die Wunde grob zu, denn der Kriminelle ist ihm sichtlich unsympathisch. Doch er bemerkt einen chronischen Husten bei dem Patienten, der sich als fortgeschrittene Tuberkulose herausstellt. Sanada überzeugt Matsunaga, eine Behandlung zu beginnen und dem Alkohol zu entsagen. Aus einer turbulenten Hassliebe entwickelt sich eine verhaltene Freundschaft der Männer, die jedoch erschüttert wird, als der ehemalige Syndikatsboss Okada aus dem Gefängnis entlassen wird und versucht, seine Bande erneut zu übernehmen. Matsunaga fällt wieder in seine alten Gewohnheiten zurück, bedroht Sanada und will zu Okadas Yakuza-Syndikat zurückkehren. Doch bald erkennt Matsunaga, dass Okada ihn verraten hat und den Rivalen ausliefern will. Matsunaga konfrontiert Okada, wird von diesem aber in einem dramatischen Kampf erstochen. Eine junge Verehrerin Matsunagas wird seine Asche auf das Land bringen um ihn außerhalb der Stadt beizusetzen, auf dass er Frieden finde. Sanada erklärt, dass der junge Mann aufgrund seiner Tuberkulose ohnehin gestorben wäre. – Engel der Verlorenen gilt aufgrund seines düsteren Chiaroscuro-Stils, seines Nachkriegspessimsismus’ und seiner ambivalenten Charaktere als japanischer Film Noir. Tatsächlich mäandert die Inszenierung zwischen ‚male melodrama’ (der tragisch erkrankte junge Gangster, der humanistische aber alkoholkranke väterliche Arzt) und Yakuza-Thriller und interessiert sich – für den Regisseur typisch – vor allem für die männliche Hassliebe zwischen Gangster und Arzt, die sich beide als fehlbar erweisen. Aufgrund seiner drastischen Themen (Nachkriegs-Kriminalität, Krankheit, Slums, Alkoholismus, Gewalt, Prostitution) hatte Kurosawa zunächst Mühe, den Film durch die Zensurinstanzen zu schleusen. Kurosawas Lehrer ‚Yama-san’ hatte den jungen Mifune entdeckt, in Engel der Verlorenen jedoch wurde der Schauspieler erstmals öffentlich wahrgenommen. Da Kurosawa Mifune nachhaltig etablieren wollte, gestaltete er dessen Rolle positiver als zunächst geplant, was letztlich die Balance des Films stört, denn die Freundschaft der Protagonisten entwickelt sich nicht immer überzeugend. Doch Kurosawa ging es um die schauspielerische Intensität, die sich in den machistischen Gesten Mifunes Bahn bricht und mit Shimuras knurriger Zurückhaltung konkurriert. Mit Musik geht Kurosawa hier ungewöhnlich um: In Momenten größter Verzweiflung und emotionaler Verfinsterung spielt er den leichten „Kuckuckswalzer“ ein; am giftigen See sitzt ein Straßenmusikant und spielt traurige Gitarrenstücke; und in der Diskothek ist ein von Kurosawa selbst getexteter Song namens „Jungle Boogie“ (gesungen von Shizuko Kasagi) zu hören, den man als Parodie auf den damals populären amerikanischen Jazz verstehen kann.


Ein wunderschöner Sonntag

Subarashiki Nichiyobi

Japan 1947
Deutscher Titel: Ein wunderschöner Sonntag
Länge: 108 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Produktion: Sojiro Motoki
Drehbuch: Akira Kurosawa, Keinosuke Uegusa
Musik:  Tadashi Hattori
Besetzung: Chieko Nakakita (Masako), Isao Numasaki (Yuzo), Midori Ariyama (Sono, Yamiya’s Geliebte), Masau Smikizu (Tanzhallenmanager), Ichiro Sugai (Yamiya, Schwarzmarkthändler).

Anmerkung: Das junge Paar Yuzo und Masako ist an einem Sonntagmorgen in der Stadt verabredet, um einen Tag ohne Sorgen und Not zu verbringen. Leider stehen ihnen nur 35 Yen zur Verfügung, eine geringe Summe für gemeinsame Unternehmungen. Und der Tag nimmt bereits zu Beginn eine unglückliche Wendung: Beim Ballspiel mit einigen Jungen beschädigt Yuzo versehentlich einen Kiosk und muss den Schaden bezahlen. Auch der spontane Zoo-Besuch verläuft ernüchternd, denn der Krieg hat den Zoo entvölkert. Aufkommender Regen verschlechtert die Situation, denn Geldmangel lässt sogar den Cafébesuch zur Artutserfahrung werden. Der Versuch, noch Tickets für Schuberts Unvollendete Sinfonie zu bekommen, endet im Fiasko: Als Yuzo die Tickets von Schwarzmarkthändlern erstehen möchte, wird er stattdessen zusammengeschlagen. Masako muss ihren frustrierten Geliebten immer wieder aufbauen. Der Film endet in einem leeren Amphitheater, wo Yuzo zu Masakos Vergnügen ein imaginäres Orchester zu dirigieren beginnt. Auf der Tonspur ist nun Schuberts Unvollendete zu hören… Nach Kein Bedauern für meine Jugend schlug Kurosawa erneut einen neuen Weg ein: Er drehte ein melancholisches Melodram im Stil seines Lehrmeisters Kajiro Yamamoto. Den Film zeichnet der ständige Kampf um eine optimistische Lebenshaltung aus, die in unterschiedlichen Situationen auf die Probe gestellt wird. Wie auch in späteren Filmen bis hin zu Madadayo ist es die Kraft der Imagination, in der hier Hoffnung liegt – ausgeführt in der langen Schlusssequenz im Amphitheater. Auch dieser Film zeigt in seiner sozialkritischen Ausgangssituation und alltagsorientierten Umsetzung Anklänge an den neorealistischen Nachkriegsfilm, der an Originalschauplätzen gedreht eine Gesellschaft am Rande der Armut zeigt.

Kein Bedauern für meine Jugend

Waga Seishun Ni Kuinashi

Japan 1946
Deutscher Titel: Kein Bedauern für meine Jugend
Länge: 110 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Eijirô Hisaita, Akira Kurosawa, Keiji Matsuzaki
Produktion: Keiji Matsuzaki
Musik: Tadashi Hattori
Schnitt: Akira Kurosawa
Besetzung: Setsuko Hara (Yukie), Susuma Fujita (Ryukichi Noge), Akitake Kono (Itokawa), Denjirô Okochi (Professor Yagihara).

Anmerkung: Yukie ist die verwöhnte und naive Tochter des Professors Yagihara. Sie wird von zwei seiner Studenten, Ryukichi Noge und Itokawa, umworben, kann sich jedoch nicht zwischen ihnen entscheiden. Professor Yagihara wird wegen seiner liberalen Ansichten vom Hochschuldienst suspendiert, Noge schließt sich einer links-demokratischen Studentenorganisation an und wird bei einer Demonstration verhaftet, während Itokawa sich abwendet und in den Staatsdienst eintritt. Yukie verlässt ihr Elternhaus und zieht nach Tokio, wo sie nach einigen Jahren Itokawa begegnet, welcher inzwischen verheiratet ist. Er bringt sie mit Noge zusammen, der auch in Tokio lebt. Beide heiraten bald. Noge wird wegen seines linken politischen Engagements erneut, diesmal zusammen mit Yukie, verhaftet und stirbt im Gefängnis unter Fremdeinwirkung. Yukie wird entlassen und sucht Noges Eltern auf, die als Reisbauern in einem Dorf leben. Aufgrund der politischen Aktivitäten ihres Sohnes werden beide in der Dorfgemeinschaft gemieden und zum Teil tyrannisiert. Yukie gewinnt durch harte Arbeit und unerschütterlichen Willen schließlich die Anerkennung beider und schafft es, ihren Charakter zu stärken. – Dies ist Kurosawas deutlich politischster Film, der im Rahmen des von den amerikanischen Besatzern geforderten Demokratisierungsprogramms entstand. Während er in der ersten Hälfte stilistisch eher konventionell erscheint, ist Kurosawas Inszenierung in der Passage über das Landleben, in das sich das abtrünnige Großstadtmädchen flüchtet, deutlich in ihrem Element. Der Film betont einen Stadt-Land-Konflikt, der auch das nationale Dilemma zwischen Tradition und Moderne reflektiert – düstere, erdige Bilder beschließen einen Film, der auch inhaltlich die Abkehr von der militaristischen Diktatur, in die die aufziehende Moderne in Japan mündete, vorführt. Obwohl auch dieser Film retrospektiv eher untypisch erscheint, ist er aufgrund seines expliziten politischen Gehalts interessant für Kurosawas Perspektive auf sein Heimatland zu dieser Zeit. – Der aus Kein Bedauern für meine Jugend entlehnte Satz „Ich bereue nichts“ wurde zu einem Schlagwort seiner Zeit und fand Verwendung in den tagesaktuellen Medien. Der Film entstand zwischen den beiden großen Streiks der Tōhō, zwischen Februar und Oktober 1946, in nur zweimonatiger Arbeit. Durch einen Sieg beim ersten Streik bekam die Tōhō-Betriebsgewerkschaft einen starken Machtzuwachs. Die Anzahl der KP-Mitglieder nahm zu, wodurch ihre Stimme in der Filmproduktion deutlich mehr Gewicht bekam. Sie gründeten ein Komitee zur Prüfung von Drehbüchern, das Kurosawa zwang, sein Drehbuch umzuschreiben und so eine überarbeitete Fassung zu drehen: Zur selben Zeit existierte ein eingereichtes Drehbuch mit einem ähnlichen Stoff zum Inhalt; Kurosawa allerdings war der Ansicht, dass diese beiden Drehbücher den Stoff auf sehr unterschiedliche Weise angingen und deshalb zwei unterschiedliche Filme herauskommen würden. Das Komitee verwarf dies, aber einige Mitglieder stimmten ihm nach Beendigung der Dreharbeiten dann doch zu. Zudem fanden in der Nachkriegszeit eine Landreform und eine Auflösung japanischer Großkonzerne durch das von den amerikanischen Besatzern eingesetzte GHQ statt. Deshalb wurde Kurosawa durch die Unternehmensgewerkschaft der Tōhō dazu genötigt, diesen Umstand mit einzubeziehen, was er  im letzten Drittel seines Films umsetzte.

Erbauer des Morgens

Asu o Tsukuru Hitobito

Japan 1946
Deutscher Titel: Erbauer des Morgens
Länge: 82 Minuten
Regie: Akira Kurosawa, Hideo Sekigawa, Kajiro Yamamoto
Produktion: Keiji Matsuzaki, Sojiro Motoki, Ryo Takei, Tomoyuki Tanaka
Drehbuch: Yusaku Yamagata, Kajiro Yamamoto
Musik: Noboru Ito
Kamera: Takeo Ito, Taiichi Kankura, Mitsuo Miura
Besetzung: Susumu Fujita (Fujita), Hideko Takamine (Takamine), Kenji Susukida (Gintaro Okamoto, der Vater), Masayuki Mori (Seizo Hori, der Chauffeur), Chieko Takehisa (Kin Okamoto, die Mutter), Takashi Shimura (Theatremanager).

Anmerkung: Zwei Schwestern, die eine Tänzerin und die andere eine Drehbuchautorin bei einem großen Filmstudio, werden in gewerkschaftliche Aktivitäten verwickelt, als ein Streik der Eisenbahner einberufen wird und sich einer der Streikenden mit den Schwestern und ihren Eltern zusammentut. Der Vater der Mädchen streitet sich mit diesem über den Eisenbahn-Streik, ändert jedoch seine konservativen Ansichten, als er selbst seine Arbeit verliert. – Zusammen mit seinem Meister Yamamoto und Hideo Sekigawa drehte Kurosawa 1946 diesen zweiten explizit politischen Thesenfilm, eine Kollektivarbeit, den die Arbeitergewerkschaft bei Tōhō-Film in Auftrag gab. Kurosawa hatte sein Engagement für Politik zu diesem Zeitpunkt längst hinter sich gelassen und ließ später seinen Namen aus den Credits entfernen. Erbauer des Morgens zählt somit zu den verfemten Filmen in Kurosawas Oeuvre. Der auch in Japan in Vergessenheit geratene Film wurde erst 1976 in Europa gezeigt.

Die Männer, die dem Tiger auf den Schwanz traten

Tora no o wo fumu otokotachi

Japan 1945
Deutscher Titel: Die Männer, die dem Tiger auf den Schwanz traten / Die Männer, die auf des Tigers Schwanz traten / Die Tigerfährte
Länge: 58 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Drehbuch: Akira Kurosawa, Gohei Namiki
Produktion: Motohiko Ito
Musik: Tadashi Hattori
Kamera: Takeo Ito
Schnitt: Toshio Goto
Besetzung: Denjiro Okochi (Benkei), Susumu Fujita (Togashi), Ken’ichi Enomoto (Träger), Masayuki Mori (Kamei), Takashi Shimura (Kataoka), Akitake Kono (Ise), Yoshio Kosugi (Suruga).

Anmerkung: Japan gegen Ende des 12. Jahrhunderts: Der Clan Mimamotos hat gerade die Macht vom befeindeten Clan der Taira übernommen. Der junge Yoshitsune Mimamoto verdankt seinen kriegerischen Erfolgen große Beliebtheit, was die Eifersucht seines älteren Bruders, des Shoguns Yorimoto, auf sich zieht. Yoshitsune ist als Träger einer Gruppe Mönche verkleidet, die bei einem Grenzübertritt fast entlarvt wird, nach dramatischen Verwicklungen, in denen der eigentliche Thronfolger öffentlich gezüchtigt wird – aber ziehen darf. – Mit Tora no o wo fumu otokotachi drehte Kuosawa seinen dritten Jidai-geki, und zugleich den ersten, der unmittelbar in der Zeit der Samurai spielt, auch wenn man keine tatsächlichen Schwertkämpfe sieht (der Film kann daher nicht als chambara gelten). Zudem wurde von der Produktion nur ein Studio-Set bewilligt (der Grenzposten), die spärlichen anderen Szenen wurden on location im Wald und auf einer Lichtung gedreht. Bereits die erste Einstellung, die vom dichten Wald langsam aufzieht und die verkleideten Samurai durch das Geäst laufend zeigt, macht diesen reduzierten Stil deutlich, der sich zudem anbietet, da es sich um die Verfilmung eines bekannten Kabuki-Stückes handelt, das mit der Einheit von Zeit und Ort arbeitet. Das irritierendste Element des Films ist die ständige Präsenz des populären Komikers Denjiro Okochi, der als zweiter Träger und Narr das Geschehen mit expressivem Grimassieren kommentiert. Durch ihn kommt ein Element der Slapstickkomik in den Film, das in dem sonstigen Geschehen keine Entsprechung findet und uns in expressiven Nahaufnahmen performativ vor Augen geführt wird. Zudem bleiben die Motivationen der Figuren weitgehend undurchschaubar. So wird nie deutlich, ob die Grenzposten das falsche Spiel tatsächlich durchschauen und die Männer am Ende dennoch ziehen lassen. Die letzte Einstellung zeigt den aus einem Sake-Rausch erwachten Narren auf einem windumtosten Hügel – eine für Kurosawa auch später typische Landschaftstotale mit dramatisch anmutendem Himmel. Dies ist einer der wenigen Filme des Regisseurs, in dem Musical-Elemente vorkommen: In der Szene nach ihrem Entkommen feiern die Männer mit Sake und bitten den Träger zu tanzen und zu singen. – Aufgrund seiner feudalismuskritischen Tendenzen wurde der Film von den japanischen Behörden missbilligt und durfte nicht aufgeführt werden. Als die amerikanische Verwaltung Japans Filme mit Samurai-Thematik temporär verbot, konnte er auch dann nicht laufen, und es dauerte bis 1952, dass Die Männer, die auf des Tigers Schwanz traten in seinem Heimatland gezeigt werden konnte.

Sanshiro Sugata 2

Zoku Sugata Sanshirō

Japan 1945

Deutscher Titel: Sanshiro Sugata 2
Länge: 83 Minuten
Regie: Akira Kurosawa
Produktion: Motohiko Ito
Drehbuch: Akira Kurosawa, Tsuneo Tomita
Musik: Seiichi Suzuki
Schnitt: Akira Kurosawa
Besetzung: Susumu Fujita (Sanshiro Sugata), Denjiro Okochi (Shogoro Yano), Akitake Kobo (Genzaburo Higaki), Ryunosuke Tsukigata (Gennosuke Higaki), Yukiko Todoroki (Sayo/Otomi), Soshi Kiyogawa (Yujiro Toda), Masayuki Mori (Yoshima Dan), Seiji Miyaguchi (Kohei Tsuzaki), Ko Ishida (Daizo Samonji).

Anmerkung: Kurosawa war nie glücklich, zu seinem Debütfilm eine Fortsetzung drehen zu müssen, doch Tōhō wollte dringend an den Erfolg des ersten Films anknüpfen. In der Fortsetzung (angesiedelt in „Edo 1887“) wiederholen sich zahlreiche Erzählmuster des Vorgängers, nur dass Sanshiro nun selbst nicht mehr nur Schüler, sondern auch Lehrer ist. Während die erste Sequenz, in der ein aggressiver Amerikaner in den Kanal befördert wird, ein Remake der entsprechenden ersten Kampfszene von Teil 1 ist, wird analog zum Endkampf erneut die Natur als Metapher bemüht: Hier findet der spektakuläre Kampf auf einem schneebedeckten Feld statt. Und wiederum ist Higaki aus dem ersten Teil der eigentliche Drahtzieher hinter den bedrohlichen Vorgängen. Diesmal geht es weniger um Jiu-Jitsu gegen Judo, sondern um den Kampf Karate gegen Judo. Ein weiterer Höhepunkt des Films ist der Kampf eines amerikanischen Boxers gegen Sanshiro, der zeigt, wie er mit der stoischen Ruhe seiner Judokunst den Schlägen ausweicht und letztlich gewinnt. Wie schon der erste Teil erinnert auch die Fortsetzung in Erzählmuster und Inszenierung stark an die Martial Arts-Filme aus Hongkong zwischen 1968 und 1976. Susumu Fujita nimmt so zugleich den späteren Ruhm des Kung-Fu-Idols Bruce Lee vorweg, wie er auch als Vorbild für den japanischen Karatehelden Sonny Chiba betrachtet werden kann. – Die reaktionären und propagandistischen Tendenzen dieses Films gefielen den damaligen Zensoren, so dass der Film trotz seiner kurzen Laufzeit vollständig ist.